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Ätiologie - Medizin-News-Lexikon

Ätiologie

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Die Ätiologie (v. griech. αἰτία = Ursache“ und λόγος = Vernunft, Lehre“) bezeichnete in der Antike in einigen philosophischen Schulen die Lehre von den Ursachen. Heute herrscht die medizinische Bedeutung des Begriffs vor.

Das Adjektiv ätiologisch bezeichnet dementsprechend:

  • die Ätiologie betreffend
  • ursächlich, begründend, kausal

Inhaltsverzeichnis

Medizin und Klinische Psychologie

Der Begriff Ätiologie“ bezeichnet in der Medizin, der Klinischen Psychologie und besonders in der Epidemiologie

  • die Lehre von den Ursachen der Krankheiten.
  • die Gesamtheit der Faktoren, die zu einer gegebenen Krankheit geführt haben.

Siehe auch Pathogenese, Pathologie.

Die drei C“ der Ätiologie

Es gibt drei grundlegende Methoden der Ätiologie, und jede kennt einen unterschiedlichen Grad der Gewissheit, mit der die Ursache einer Krankheit oder eines Leidens herausgefunden wird. Die Kenntnis der drei C“ kann auch dem Patienten dabei helfen, bei einer schwer wiegenden Diagnose nicht den Kopf zu verlieren, sondern rational sein Verhalten zu überdenken. Dies gilt vor allem bezüglich der Fragen Was habe ich falsch gemacht?“ oder Bin ich schuld an meinem Leiden?“.

Causa (lat. für Ursache“)

Bei häufigeren und besser untersuchten medizinischen Phänomenen kann man nach kausalen“ Gründen einer Krankheit suchen. Das heißt, wenn Ereignis A eintritt, dann muss auch Ereignis B eintreten. Beispiele dafür sind etwa:

  • Beim Rauchen: Nikotinkonsum verringert immer den Durchmesser von Blutgefäßen und verschlechtert damit u.a. die Durchblutung des Körpergewebes. Das bedeutet, dass ein Ende des Nikotinkonsums immer eine verbesserte Durchblutung zur Folge hat.

Contributio (lat. für Förderung, Beitrag“)

Bei Contributio gibt es immer noch einen starken Zusammenhang im Sinne einer Ursache-Folge-Beziehung, aber dieser ist nicht mehr so stark wie bei der vorherigen Kategorie. Generell gilt: Wenn Ereignis A eintrifft, dann trifft Ereignis B häufiger ein als sonst. Faktor A trägt also zu Zustand B bei.

  • Wieder ein Raucher-bezogendes Beispiel: Nicht jeder Raucher bekommt Lungenkrebs, aber Raucher bekommen häufiger Lungenkrebs als Nichtraucher. Mit dem Rauchen aufzuhören bedeutet also, dass dies die Wahrscheinlichkeit, an Lungenkrebs zu erkranken, senkt.

Correlatio (lat. für Korrelation, Zusammenhang“)

Die Korrelation wird ebenso bei seltenen Krankheiten verwendet wie bei Krankheiten, die keine klaren bzw. erforschten Ursache-Folge-Beziehungen haben. Sobald man also in einem Zeitungsbericht etwas von Es wurde ... ein Zusammenhang gefunden zwischen Migräne und Herzproblemen“ liest, sollte man an die Korrelation denken. Noch konnte niemand beschreiben oder belegen, wie und weshalb Migräne zu Herzproblemen oder Herzprobleme zu Migräne führen kann, sondern es wurde lediglich festgestellt, dass Personen mit Eigenschaft A häufig auch die Eigenschaft B besitzen und umgekehrt. Die Korrelation unterscheidet nicht zwischen Ursache und Folge (Wirkung).

Beispiele:

  • Japaner haben die höchste Lebenserwartung von allen Erdbewohnern. Dies heißt nicht, dass man länger oder gesünder lebt, sobald man die japanische Staatsbürgerschaft besitzt oder in Japan wohnt. Es bedeutet lediglich, dass der japanische Lebens- und Ernährungsstil offensichtlich die Gesundheit fördert (bzw. dass andere Lebens- und Ernährungsstile der Gesundheit mehr abträglich sind als der japanische), aber es muss noch herausgefunden werden, welche Eigenheiten der japanischen Lebensweise die Gesundheit verbessern (bzw. im Vergleich zu den anderen weniger abträglich sind).

Im Übrigen wäre theoretisch auch eine genetische Komponente denkbar, da tendenziell Inselbewohner in der Vergangenheit einer geringeren Durchmischung unterlagen als Festlandbewohner.

  • Personen, die zwischen ihrem 20. und 50. Lebensjahr einer geistig bzw. intellektuell herausfordernden Tätigkeit nachgehen, erkranken weniger häufig an Alzheimer. Dies ist die Tatsache auf der Correlatio-Ebene. Die interessante Frage lautet jetzt:
    • Bricht die Alzheimer'sche Krankheit schon in der Jugendzeit aus und verhindert die Aufnahme einer geistig anspruchsvollen Tätigkeit oder
    • verhindert eine geistig anspruchsvolle Tätigkeit die Alzheimer'sche Krankheit? englisch

In der Regel arbeitet die medizinische (und auch die naturwissenschaftliche) Forschung so, dass zuerst eine Korrelation (Correlatio) festgestellt wurde. Nach genaueren Untersuchungen kann man – oder auch nicht – herausfinden, ob es einen Ursache-Folge-Zusammenhang gibt (Contributio). Oft ist es der letzte Schritt, einen kausalen Zusammenhang (Causa) herauszufinden.

Hier [1] gibt es weitere englischsprachige Informationen und Beispiele, dies im Zusammenhang mit Lippenspalten- bzw. Hasenscharten-Krankheit (engl. cleft lip).

Bradford-Hill-Kriterien für Kausalität in der Medizin

Austin Bradford Hill, ein englischer Statistiker und Epidemiologe - welcher übrigens mit Richard Doll als erster auf einen Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs hinwies (sogenannte British Doctors Study) - postulierte folgende neun Kriterien, mit welchen eine vermutete Ursache-Wirkung-Beziehung in der Medizin bzw. Epidemiologie geprüft werden sollte:

  1. Stärke: Eine schwache Assoziation zwischen zwei Phänomenen besagt nicht, dass keine Kausalität zwischen ihnen existiert.
  2. Folgerichtigkeit: Übereinstimmende Beobachtungen durch verschiedene Personen an verschiedenen Orten bei Gebrauch von verschiedenen Untersuchungspopulationen erhöht die Wahrscheinlichkeit einer kausalen Beziehung.
  3. Spezifität: Kausalität ist anzunehmen, wenn eine spezifische Population an einem spezifischen Ort an einer Krankheit leidet, welche bisher nur auf eine unbefriedigende Weise erklärt werden kann.
  4. Zeitlichkeit: Die Wirkung hat nach der Ursache zu erfolgen - und wenn eine Verzögerung zwischen Ursache und erwartetem Effekt erwartet wird, muss der Effekt nach dieser Verzögerung stattfinden.
  5. Biologischer Gradient: Stärkere Exposition gegenüber einem Faktor sollte zu einer häufigerem Auftreten des Effekts führen.
  6. Plausibilität: Ein plausibler Mechanismus zwischen Ursache und Wirkung ist hilfreich - aber unser Wissen ist stets begrenzt, so dass man tatsächliche plausible Zusammenhänge noch gar nicht erkennen kann.
  7. Stimmigkeit: Übereinstimmung zwischen epidemiologischen Daten und Ergebnissen aus dem Labor erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass ein kausaler Zusammenhang besteht.
  8. Experiment: Manchmal ist es möglich, experimentell Annahmen aus epidemiologischen Daten zu überprüfen - was aber auf ethische Grenzen stößt.
  9. Analogie: Der Effekt ähnlicher Wirksubstanzen/Risikofaktoren sollte berücksichtigt werden.

Religion und Mythologie

In der Religion und Mythologie spricht man von einer Ätiologie, wenn eine Erzählung über Vorgänge der Vergangenheit den Zustand in der Gegenwart begründen soll. So ist etwa in der biblischen Schöpfungsgeschichte Gottes Ausruhen am siebten Tag eine Ätiologie für die Sabbatruhe. Entsprechende Ursprungslegenden gab es in der Antike zur Erklärung von Ortsnamen (z.B. Venetia aus der Losung Veni etiam), eigentümlichen Gesteinsbildungen, Pflanzen, Tieren, lokalen Kulten u.Ä. Derartige Erzählungen sammelte in hellenistischer Zeit der Dichter Kallimachos und stellte sie in seinen Aitia“ zusammen. Ein weiteres herausragendes Beispiel aus der antiken Literatur zur "Aitia" sind die "Metamorphoses", die Metamorphosen des römischen Dichters Ovid.

Die Erzählforschung kennt den Begriff der ätiologischen Sage“ oder Erklärungssage. Diese Erzählung soll etwas Unerklärliches deuten.

Literatur

  • Erik Hornung: Der ägyptische Mythos von der Himmelskuh. Eine Ätiologie des Unvollkommenen (Orbis Biblicus et Orientalis Band 46), 1982


Weblinks

wikt:.php
Wiktionary
Wiktionary: Ätiologie – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme und Übersetzungen

Quellenhinweis: Basis dieses Artikels ist ein Aufsatz aus WIKIPEDIA, der freien Enzyklopaedie. Diesen Artikel sowie Autorenhinweise finden Sie unter folgendem Link: http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%84tiologie

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